Der erste Blick auf Ihren Lebenslauf dauert selten länger als eine halbe Minute. In dieser halben Minute entscheidet sich, ob die Partnerin Sie als künftige Konzipientin liest – oder als jemanden, der halt irgendwas mit Recht gemacht hat. Die gute Nachricht: Was in dieser Zeit ankommt, lässt sich steuern. Es ist weniger eine Frage des Designs als der Reihenfolge.
Erst die Form, die niemand gegen Sie verwenden kann
Das AMS empfiehlt für den Lebenslauf „ein bis maximal zwei A4-Seiten“ und die antichronologische Reihenfolge: das aktuellste Arbeitsverhältnis zuerst. Für die vollständige Bewerbungsmappe nennt das AMS eine feste Abfolge – Bewerbungsschreiben (max. 1 Seite), optional Deckblatt und Profilblatt, dann der Lebenslauf (max. 2 Seiten), danach Zeugnisse und Zertifikate als Anhang. Ein Foto ist laut AMS „im deutschsprachigen Raum üblich, aber nicht verpflichtend“.
Halten Sie sich daran. Nicht weil Formvorschriften schön sind, sondern weil jede Abweichung Aufmerksamkeit kostet, die Ihren Inhalten gehört. Drei Seiten mit 24 Jahren wirken nicht gründlich.
Auf Seite eins muss das Fachgebiet stehen
Der Markt ist in Österreich fachlich zerlegt, nicht generisch. Unter den aktuell auf jusjobs.at ausgeschriebenen Stellen entfallen 144 auf nationales Steuerrecht, 110 auf Finance & Tax, 61 auf Gesellschaftsrecht und M&A, 49 auf Vertragsrecht (eigene Auswertung der aktuell auf jusjobs.at ausgeschriebenen Stellen, Stand 13.10.2026). Wer sich in allen vier Richtungen gleichzeitig bewirbt, braucht vier Versionen seines Lebenslaufs – nicht eine, die alles andeutet.
Konkret heißt das: Praktika beschreiben, nicht aufzählen. Aus „Praktikum, Rechtsanwaltskanzlei, Sommer 2025“ wird:
- 07–08/2025, Kanzlei XY, Wien – Team Gesellschaftsrecht (6 Wochen): Recherche zu Umgründungen, Entwürfe für Umlaufbeschlüsse, Mitarbeit im Due-Diligence-Datenraum.
- 09/2024–06/2025, Steuerberatungskanzlei XY, Graz – geringfügig, 10 h/Woche: laufende Buchhaltung für Klienten im Gastgewerbe, Vorbereitung von Umsatzsteuervoranmeldungen.
Beides sind drei Zeilen. Beide sagen, was Sie können, und beide lassen sich im Gespräch überprüfen – was der Punkt ist.
Die Gerichtspraxis gehört hinein, auch wenn sie noch nicht war
Die Gerichtspraxis dauert laut Justizministerium derzeit fünf Monate; „Gerichtsjahr“ ist nur die Umgangssprache. Der Antrag geht an die Präsidentin oder den Präsidenten des zuständigen Oberlandesgerichts. Für den Lebenslauf zählt der Status, nicht die Absicht. Schreiben Sie „Gerichtspraxis, LG für ZRS Wien, 03–07/2026, abgeschlossen“ oder „Gerichtspraxis, Zuteilung ab 01/2027, Antrag eingebracht“. Wer sie weglässt, weil sie noch offen ist, provoziert genau die Frage, die er vermeiden wollte.
Kenntnisse: Stufen und Werkzeugnamen statt Adjektive
Sprachkenntnisse gibt man nach der Empfehlung des AMS „nach dem gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GER)“ an, also mit A1 bis C2. „Englisch: verhandlungssicher“ ist eine Selbsteinschätzung, „Englisch: C1“ eine Angabe. Dasselbe Prinzip bei der Software: Nennen Sie die Rechtsdatenbank, das Dokumentenmanagement oder die Buchhaltungssoftware, an der Sie tatsächlich gearbeitet haben, beim Namen – und lassen Sie weg, was Sie nur einmal gesehen haben. Als optionale Blöcke führt das AMS unter anderem „Auslandserfahrungen“, „Publikationen“ und „Soziales Engagement“ an. Ein Moot Court, eine Studienassistenz, ein Seminararbeitsthema, das zum Fachgebiet passt: Das sind in diesem Sektor keine Lückenfüller, sondern Belege.
Ein Nebeneffekt, der Geld kostet
Lebensläufe werden in Schubladen gelesen. Wer seine Kanzleierfahrung überwiegend als Fristenverwaltung, Terminkoordination und Aktenpflege beschreibt, wird als Assistenzprofil gelesen – auch mit Diplomprüfungen in der Tasche. Der Unterschied ist messbar: Das Medianeinstiegsgehalt liegt über alle Stellen bei 3.638 Euro brutto im Monat (mittlere Bandbreite 3.053 bis 4.285 Euro), bei Rechtsanwalts- und Kanzleiassistenz bei 2.573 Euro (eigene Auswertung der aktuell auf jusjobs.at ausgeschriebenen Stellen, Stand 13.10.2026). Dieselbe Tätigkeit, fachlich formuliert, liest sich anders: „Aktenführung in 40 laufenden Zivilverfahren, Entwürfe für Mahnklagen und Fristenkontrolle“.
Vier Dinge, die Sie vor dem Abschicken prüfen
- Steht auf Seite eins, oben, das Fachgebiet der Stelle – in Ihren Worten, mit Ihren Stationen?
- Hat jede Station Monat und Jahr, Stundenumfang bei Teilzeit, und eine Zeile Inhalt?
- Sind Zeugniskopien im Anhang und nicht mitten im Lebenslauf?
- Heißt die Datei nach Ihnen und der Stelle – nicht „Lebenslauf_final_v3“?
Zum Abschluss verlangt die AMS-Vorlage ohnehin das Unspektakulärste: vollständiger Name, Ort, Datum, Unterschrift. Aktualisieren Sie das Datum. Ein Lebenslauf, der auf März datiert ist, während die Bewerbung im Oktober eintrifft, erzählt eine eigene kleine Geschichte – und zwar nicht die, die Sie erzählen wollten.
Dieser Beitrag informiert allgemein und ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall. Für die Zulassungsvoraussetzungen zu Gerichtspraxis, Rechtsanwaltsanwärter- oder Berufsanwärtertätigkeit ist die jeweils zuständige Stelle (Oberlandesgericht, Rechtsanwaltskammer, Kammer der Steuerberater:innen und Wirtschaftsprüfer:innen) maßgeblich.
